Ich ging durch die Tür, hob den Kopf und atmete tief ein. Es roch nach Frühling.
Es war Samstag, der heißersehnte Samstag. Im Vorfeld gab es allerlei Diskussionen über den Treffpunkt. Sie schlug McDonald’s vor, da gäbe es den besten Kakao. Nun ja, sie mag da eher diejenige mit dem Durchblick sein, dennoch hätte ich eine Location präferiert, in der man erst bestellt, dann genießt und zum Schluss zahlt. Da sie das McD beim Kino vorschlug, äußerte ich meine Bedenken bezüglich der Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie schlug im Gegenzug vor, man könne sich aber auch in unserem kleinen Heimatdorf treffen, ein wenig spazieren gehen, wenn das Wetter dieses zuließe. Ein Heimspiel klang natürlich gut. Ein Spaziergang über all die Wege, die wir vor so vielen Jahren so oft gegangen sind…jedoch dachte ich da an meine eher lauffaule Tochter, so kam das nicht in Frage. Alternativ schlug ich ein anderes McD vor, im Bewusstsein, dass auch meine Tochter davon erfreut sein würde (die ja schon feiert, sobald der Name nur fällt).
Die Karre vor mich herschiebend kam ich (aufgrund der eher bescheidenen Fahrpläne) eine halbe Stunde zuvor beim “Restaurant” an, umrundete die Location zweimal, wobei ich einmal vor der großen Scheibe ein Rad verlor (verdammtes altes Ding, wird Zeit, dass es über den Jordan geschickt wird). Also hinhocken, das Ding wieder dranfriemeln und hoffen, dass sie noch nicht drin sitzt, mich sieht und sich königlich amüsiert.
Dann eintreten, bloß vorher da sein. Ein letztes Mal vorher auf Toilette, Deo und Duftwässerchen zücken. Haare sitzen, alles klar.
Natürlich stellte sich die verdammte Frage, die bereits Robin Tscherbatsky so treffend stellte: “Wie begrüßt man einen Exfreund (in diesem Fall: Exfreundin)? Umarmung ist zu vertraut, Händeschütteln zu distanziert.” Wir, meine Tochter und ich, gingen zweimal durch die Reihen, um sicherzugehen, dass sie noch nicht da war. Das Herz schlug fast schon schmerzhaft in der Brust. Ein Tisch wurde durch geschicktes Platzieren des Nachwuchses reserviert, der Höflichkeit entsprechend wurde nachgefragt, was die kleine Diva denn wolle (was wohl? HappyMeal mit Nuggets, Fanta und Pommes) und schon stellte ich mich in die Schlange. Es gab keinen Grund, mit der Bestellung auf sie zu warten, wenn sie ohnehin nur Kakao möchte, den es ja an der anderen Theke gibt. Während ich also schwitzend, bangend, zitternd in der Schlange stehe und ab und an Blicke zu meiner Tochter werfe, um mich zu vergewissern, dass sie keinen Unfug macht, höre ich von hinten eine Stimme: “Hey! Hab ich Dich doch gleich gefunden!” Ich zucke zusammen, schließe kurz die Augen, atme tief durch und drehe mich um. Dort, wenige Zentimeter vor mir, steht: Sie. Dort steht sie, schaut mir in die Augen und lächelt mich an. Zum allerersten Mal seit sieben Jahren.
Die Frage nach der Begrüßung erübrigte sich, als sie ihren rechten Arm um meinen Hals schlang, während sie auf dem linken ihre Tochter trug. “Hey, hallo!” und “Was möchtest Du haben?” Sie wolle einen Kakao, erklärte mir das auf meine unsichere Rückfrage mit den verschiedenen Sorten und Größen. Ich bat sie, sich schon mal hinzusetzen, ich würde mich darum kümmern. “Da hinten am Fenster, wo das Mädchen mit dem Hello Kitty Pulli sitzt und im Pixie-Buch liest.” Ob die Kleine nicht irritiert sein würde, wenn sie sich dazusetze. Ich konnte es ihr nicht beantworten, kommt auf einen Versuch an: “Sie wird eh nicht mit Dir reden. Wenn sie anfängt zu weinen, bring sie her. Ich hoffe, dass es hier endlich mal vorwärtsgeht…”
Endlich, mit einem vollbeladenen Tablett, kam ich zurück an den Tisch. Nein, die Kleine weinte nicht. Sie saß, wie erwartet, stumm da und betrachtet argwöhnisch die Frau, die sich mit dem Baby zu ihr an den Tisch gesetzt hat und nun versuchte, mit ihr ein “Gespräch” zu beginnen. Ich setzte mich dazu, die Getränke, HappyMeals und Veggieburger wurden verteilt. Und der Smalltalk begann.
Sie sah mich fragend an: “Bist Du etwa immer noch Vegetarier?” – “Ähm…klar…natürlich…” – “Aber Deine Tochter darf Fleisch essen?” – “Ja. Ich sehe da keinen Grund, ihr da etwas zu verbieten oder vorzuschreiben.” – “Mich hast Du immer versucht zu missionieren.” – “Ähm…okay, mein Gedächtnis ist nicht das Beste, das ist mir klar…aber das kann ich mir nicht vorstellen.” – “Klar…Du hast mir imemr wieder erzählt, wie schlecht Fleischessen ist…für die Umwelt…für die Entwicklungsländer…” – “Ja, okay…aber das ist ja kein Missionieren, das ist ein Blick auf die Realität. Außerdem…ach egal…”
“Richtig: Ach egal”, dachte ich mir, “lass es gut sein. Dummer Junge, halte einfach Deinen Mund.”
Man sprach über dieses und jenes, unwichtiges und interessantes. Ihre Familie, meine Familie, Beruf, Leben und der Stress mit den Kindern. Ihre Tochter machte brabbelnde Geräusche, meine Tochter nahm kaum Notiz von uns, während sie an ihren Pommes mümmelte und hier und da mit ihrem Spielzeug herumhantierte.
“Es ist schon komisch”, sagte sie, “dass wir beide jetzt hier sitzen und uns unterhalten…mit unseren Kindern.”
“Ja,” dachte ich mir, “in der Tat: Schon komisch. Doch ist es lustig komisch oder seltsam komisch? Ich glaube, von beidem ein wenig.”
Es war ein grandioses Treffen. Mein Herz schlug im Vorfeld schnell vor Aufregung, mein Herz schlug noch schneller, als sie vor mir stand und es verlangsamte sich das ganze Treffen über kein Stück. Wir saßen zweieinhalb Stunden da, lachten, redeten und ich hing an ihren Lippen. Sicher machte ich zeitweise einen unhöflichen Eindruck, weil ich beim Sprechen den Tisch anstarrte, doch in ihre Augen zu schauen verursachte mir immer wieder einen kleinen Stich. “Wir sind alt geworden!” dachte ich mir. Wie schön sie war, wenn sie sprach. Wie schön sie war, wenn sie schwieg. Wie schön sie war, wenn sie sich um ihre Tochter kümmerte. Wie schön sie war. Anmutig und unbeschreiblich. Schmerzlich stellte ich fest, dass mir klar ist – und immer klar war -, warum sie die Liebe meines Lebens ist (besser: war. oder doch besser: ist?). Sie ist eine Göttin, und auch die kleinen Fältchen in ihren Augenwinkeln werden das wohl nie ändern können. Ich war in diesen Stunden, so aufgeregt ich war, einfach nur: glücklich.
Es gab sovieles, was ich ihr gerne gesagt hätte (siehe: Treffen mit Kakao I), aber besser für mich behielt. Sie hat ihr Leben mit Höhen und Tiefen und ich gönne es ihr. Auch wenn sie mir fehlt. Auch wenn ich sie immer lieben werde. Auch wenn ich den Typen, der in diesen Stunden nicht einmal Thema war, hasse. Ich hasse ihn dafür, dass er hat, was mir fehlt.
Sie sah elegant aus, fast schon deplatziert in diesem Fastfood-Restaurant. Wir zogen vorübergehend mit den Kindern in die Spielecke um. Ich sah meiner Tochter beim Spielen zu, sie sah ihr beim Spielen zu. Ich sah ihr beim Zusehen zu.
Irgendwann verabschiedeten wir uns, sie musste nach Hause, bevor ihr Mann wieder zurückkommt. Natürlich wusste er nichts von dem Treffen (und hätte, wie sie mir im Vorfeld sagte, sicher beim Wissen eine ordentliche Szene gemacht). Eine Umarmung und fehlende Worte beiderseits am Schluss. Gerne hätte ich mich zu ihren Lippen vorgebeugt, konnte dem aber widerstehen. Wir, meine Tochter und ich, schauten ihr beim Rausgehen nach, packten unsere Sachen und gingen auch hinaus.
Ich ging durch die Tür, hob den Kopf und atmete tief ein. Es roch nach Frühling.
Der befürchtete Blues nach dem Treffen blieb aus. Ich dachte an dem Abend lange an uns, an damals. An die Bank auf dem Feldweg und an ihr kleines Zimmer damals unterm Dach. Und vor allem: An sie.
Ja, sie fehlt mir hier an meiner Seite. Und hin und wieder tut es verdammt weh. Aber ich gönne ihr alles, solange es gut ist für sie.